27. Juli 2016

Projekt der FH Burgenland zeigt Möglichkeiten für Ressourcenaustausch zwischen Seniorenheim und sozialer Umwelt auf

Eisenstadt, 27. Juli 2016 – Wie ältere Menschen in Pflegeheimen Möglichkeiten finden, weiterhin Kontakt zur ihrer Heimatgemeinde aufrecht zu erhalten und sich mit der Bevölkerung vor Ort auszutauschen, erforschte ein wissenschaftliches Team des Departments Soziales der FH Burgenland im Auftrag der Burgenländischen Landesregierung. Es bezieht ältere Menschen als Experten ihrer Lebenswelt ein und fragt nach, welche Maßnahmen einen Eintritt ins formale Pflegesystem verzögern. Regionale und internationale Best-Practice Projekte wurden in einem Ideen-Katalog gesammelt.

 

Die Zukunft des Landes planen

Vor dem Hintergrund des steigenden Anteils älterer Menschen in vielen Regionen des Burgenlands, beauftragte die burgenländische Landesregierung das Department Soziales der FH Burgenland mit einem Forschungsprojekt. „Aufgrund der demografischen Entwicklung und der steigenden Lebenserwartung in den nächsten Jahren, ist so ein Projekt wichtig, um die Zukunft des Burgenlandes zu planen. Etwa 5 Prozent der Bevölkerung in Österreich sind pflegebedürftig", beschreibt Soziallandesrat Norbert Darabos die Situation. Die Ergebnisse des von der Landesregierung in Auftrag gegebenen Projekts sieht Darabos als Möglichkeit um Innovationen in diese Richtung zu gewährleisten: „Obwohl die Landschaft der stationären Pflege im Burgenland kleinräumig strukturiert ist, bedeutet der Eintritt ins Seniorenheim für viele einen Umzug in eine andere Gemeinde und oft einen Verlust von Beziehungen zur ehemaligen Nachbarschaft. Angesichts dieser Tatsachen, muss der Dialog über die Pflege forciert werden.“

 

Generationenaustausch im Fokus

„Wir werden immer älter und brauchen zusehends stationäre Pflege – daher das Projekt, dessen Ergebnisse künftig vielen von uns helfen werden“, sagt FH-Prof. Roland Fürst, wissenschaftlicher Projektleiter. „Die leitenden Forschungsfragen zielen darauf ab, wie im stationären Pflegesystem Möglichkeiten zur sozialen Teilhabe und zum Austausch zwischen der sogenannten ‚Innenwelt‘ des Heims und der lokalen Bevölkerung vor Ort geschaffen werden können“, fasst Fürst zusammen. „Zudem identifizieren wir umgesetzte und angedachte Ideen, die den Eintritt in das formale Pflegesystem verzögern.“

Innovative regionale Initiativen versuchen der Ausdünnung des sozialen Netzes älterer Personen entgegenzuwirken. Wie etwa das Referenzprojekt „Nachbarschaftshilfe PLUS – es organisiert den Austausch zwischen ehemaligen Nachbarn aus der Gemeinde Horitschon und dem Heim Deutschkreuz.

In Kittsee organisiert das Seniorenheim Klassentreffen für die Heimbewohner. In anderen Heimen haben sich informelle Fahrgemeinschaften zusammengetan oder es werden verschiedene Veranstaltungen organisiert. Im Pflegekompetenzzentrum Weppersdorf bietet ein mobiler Greißler Einkaufsmöglichkeiten für die Bewohner, genauso wie für Anrainer und stärkt dadurch den Austausch und das Miteinander.

 

Internationale Best-Practice Beispiele

Auch international erforschte das Projektteam innovative Praktiken aus dem Ausland, denn in vielen Fällen könnte ein Eintritt in ein Seniorenheim um Jahre durch andere Betreuungsformen verzögert werden: Interviews mit Bewohnern einer Senioren-WG zeigen, wie wichtig selbstbestimmte Entscheidungen älterer Menschen zu nehmen sind. In einem Casting suchen sie selbst neue Mitbewohner aus. Gemeinsam entschieden wird auch über Einkaufsbudget, Mittagessen, Ruhezeiten und wer bei welchen Tätigkeiten im Haushalt mithelfen kann. 

Das Mehrgenerationenhaus in Hamburg zeigt, wie der Austausch zwischen Schülern und Senioren gelingen kann: Sie essen täglich in der gemeinsamen Mensa zu Mittag und nehmen an gemeinsamen Freizeitangeboten teil.

Im Repair-Café des Vereins MARTINIerLEBEN in Hamburg reparieren ältere Menschen Elektrogeräte und kommen gleichzeitig bei Kuchen und Kaffee ins Gespräch mit Jüngeren. „Dieses Projekt zeigt, dass ältere Menschen nicht nur Hilfsempfänger sind, sondern wie sie durch aktive Einbindung in Freizeitgestaltung durch Seniorenvereine länger in der Selbstständigkeit bleiben können“, so Fürst.

 

Ergebnisse des Aktionsforschungsprojekts: die „Ideenbörse“

Das Projektteam setzte sich von Beginn an zum Ziel, ältere Menschen nicht nur als „Forschungsgegenstand“ zu analysieren, sondern sie als Experten ihrer Lebenswelt wahrzunehmen. Insgesamt wurden 19 Interviews mit älteren Menschen geführt, die in Heimen oder zu Hause wohnen. Zusätzlich wurde das Wissen von 7 Experten eingeholt. Neben sprachbasiertem Datenmaterial wurde mit fotografischen Methoden und Netzwerkkarten auch die subjektive Wahrnehmung des Sozialraums bzw. der eigenen Sozialkontakte durch Ältere erfasst.

Zusätzlich wurde das Wissen von Experten, die in Pflege, Qualitätsmanagement, Seniorenanimation oder Seniorenvereinen tätig sind, zusammengetragen. Neben Interviews erfolgte dies auch in Gruppendiskussionen bei Workshops in sechs Gemeinden des Burgenlandes, an denen insgesamt 63 Personen teilnahmen. „Bei den Workshops wurde der dringende Bedarf und der Wunsch zum Austausch zwischen verschiedenen Trägerorganisationen bzw. Vereinen sichtbar“, sagt Sabrina Luimpöck, wissenschaftliche Mitarbeiterin. „So konnten Senioren, Ehrenamtliche und Seniorenanimateure auf Augenhöhe und ohne Konkurrenzdruck diskutieren, welche Aktivitäten und Innovationen sie bereits durchführen und Tipps geben, worauf bei der Umsetzung zu achten ist.“

 

Ausblick für weitere Forschung

Das Forschungsprojekt wurde nach einjähriger Laufzeit abgeschlossen und nun präsentiert. Welcher ökonomische Nutzen sich aus den Schlussfolgerungen ergeben kann und wie eine Institutionalisierung informeller Hilfsysteme wie Fahrgemeinschaften bestmöglich umgesetzt werden kann, lässt aber Raum für weiterführende Forschung. Hier ist etwa Unterstützung bei der Organisation von Mitfahrgelegenheiten oder Unterstützungen beim Einkauf zu nennen, wobei neue Medien eingesetzt werden können.

„Die Thematik ist eine Querschnittsmaterie in Politik und Forschung. Da sich Einkaufsmöglichkeiten immer öfter an den Stadtrand verlagern, sind sie für ältere Personen schwer erreichbar. Vermehrte soziale Teilhabe Älterer kann daher nur in Verknüpfung mit Mobilitätsförderung erreicht werden. Eine Wiederbelebung von Ortskernen und Nachbarschaftshilfe ist demnach nicht nur für die ältere Generation von Vorteil, sondern für die Gesamtbevölkerung“, so Projektleiter Roland Fürst.

Neben der Erhöhung der Lebensqualität für Ältere ergeben sich aus dem innovativen Einsatz von Ehrenamtlichen oder Nachbarschaftsnetzwerken ein potentieller volkswirtschaftlicher Nutzen und ein positiver Effekt auf die psychosoziale Gesundheit der SeniorInnen durch soziale Teilhabe.

 

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Das Initiates file downloadPressefoto zum Download. Am Bild: FH Burgenland-Geschäftsführer Georg Pehm, Soziallandesrat Norbert Darabos und Leiter des Department Soziales Roland Fürst