Forschungsstories des Departments Wirtschaft

Am Department forschen wir in drei Feldern:(1) Consumer Insight (2) Wissensproduktivität (3) interkulturelle Managementkommunikation. Unser Ehrgeiz ist es, für die Management-Praxis unmittelbar verständlich und anwendbare Ergebnisse zu liefern. Machen Sie sich ein Bild:
 

VINCE - Validation for Inclusion of New Citizens in Europe

Das Department Wirtschaft der Fachhochschule Burgenland ist einer der 13 europäischen Partner, die in einem vom Erasmus+ Programm der Europäischen Union ko-finanzierten Projekt – VINCE (Validation for Inclusion of New Citizens in Europe) – mitarbeiten.

Was ist das Hauptziel des Projektes?

Das Hauptziel des Projektes ist, Neuankömmlinge/Flüchtlinge in ihren Gastgeberländern zu integrieren. Das Hauptaugenmerk liegt auf der Erweiterung des Validierungsprozesses, welcher sich an den besonderen Bedürfnissen der Flüchtlinge orientiert.

Was bedeutet “Validierung”?

Flüchtlinge, die sich in Europa ansiedeln wollen, sind oft sehr gut ausgebildet, aber ihre Kompetenz wird in den Gastgeberländern nicht anerkannt. Flüchtlinge wissen oft nicht, dass es Möglichkeiten gibt, ihre Kenntnisse validieren, d.h. offiziell anerkennen, zu lassen. In vielen Fällen haben sie auch keine Dokumente mehr, um den Validierungsprozess zu vollziehen. Für die Flüchtlinge wäre es aber enorm wichtig, wenn ihre Qualifikationen anerkannt würden, damit sie arbeiten können oder ihre Ausbildung fortsetzen können. Insbesonders handelt es sich in diesem Projekt um die Validierung von nicht-formellem bzw. informellem Lernen, das ist Lernen, das man in einer informellen Umgebung erwirbt – bei der Arbeit, zu Hause usw.

Wer zieht Nutzen aus diesem Projekt?

Den Hauptnutzen haben die Neuankömmlinge/Flüchtlinge selbst, aber auch Lehrende und administrative Angestellte einer Hochschule, vor allem diejenigen, die sich mit Validierung beschäftigen. Es wird angestrebt, sie mit den Werkzeugen auszustatten, damit den Flüchtlingen, die sich zwischen verschiedenen europäischen Ländern bewegen, besser geholfen werden kann.

Wo kann ich weitere Informationen über das Projekt erhalten?

Projektbeginn war am 31. Dezember 2016, die Laufzeit beträgt drei Jahre.

Sollten Sie Fragen zum Projekt haben oder weitere Informationen benötigen, setzten Sie sich bitte mit Anne Kalaschek BSc (Hons) MBA (Email: Opens window for sending emailanne.kalaschek[at]fh-burgenland.at; Tel.: +43 5 7705-4535) in Verbindung.

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Project VINCE - English Version

VINCE - Validation for Inclusion of New Citizens in Europe

The Department of Business at the University of Applied Sciences Burgenland is one of 13 European partners involved in a project co-funded by the Erasmus+ Programme of the European Union called VINCE (Validation for Inclusion of New Citizens in Europe).

What is the main aim of the project?

The main aim of the project is to aid the integration of newcomers/refugees into their host countries by enriching existing validation procedures, taking into account the specific needs of refugees.

What does “validation” mean?

Refugees settling in Europe are often highly educated and skilled but their competences are not recognised in the host societies. Refugees are often unaware of the possibility of having their prior learning validated – officially recognised - and in many cases, they may lack the documentation needed to undertake the validation procedure. Having their qualifications recognised would be a major catalyst in enabling refugees to enter the labour force or continue their studies. In particular, the project deals with the validation of non-formal and informal learning, that is learning which occurs in a non-formal setting – in the work place, at home or elsewhere.

Who will benefit from the results?

Obviously the newcomers/refugees themselves, but the project also addresses university teachers and administrative staff, and especially the staff in charge of validation, and aims to equip them with tools for better responding to the needs of refugees living and moving between different countries in Europe.

Where can I get more information about the project?

The project started on 31st December 2016 and will run for three years.

If you have any questions about this project or require further information, please contact Anne Kalaschek BSc (Hons) MBA at Opens window for sending emailanne.kalaschek[at]fh-burgenland.at or call +43 5 7705-4535.

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AWO – Academic Writing Online: Ein Kurs in sieben Sprachen und sieben Modulen

Das Verfassen von Abschlussarbeiten stellt für viele Studierende eine Hürde dar, da wissenschaftliches Schreiben oft nicht gelernt, sondern einfach vorausgesetzt wird. Der Online-Kurs AWO will Studierende dabei unterstützen, ihre Schreibkompetenz zu erweitern. In sieben Modulen wird auf zentrale Themen des wissenschaftlichen Schreibens und Publizierens eingegangen, damit die Abschlussarbeit zum Erfolg führt. Der Kurs wurde über eine EU-Förderung innerhalb von Erasmus+/Strategische Partnerschaften unter Koordination der FH Burgenland erstellt. Diese erarbeitete gemeinsam mit dem Sprachenzentrum der Karlsuniversität Prag, der Universität Matej Bel, der Eszterházy Károly Universität, der Universität Maribor und der FH Baltazar die Sprachvarianten, um auch international Studierende zu unterstützen.

Interview mit Prof. (FH) Mag. Dr. Petra Hauptfeld, Professorin im Department Wirtschaft und Projektleiterin

Wie kamen Sie auf die Idee, ein Projekt zu diesem Thema zu starten?

In meinem Unterricht ist mir aufgefallen, wie schwer es Studierenden fällt, wissenschaftlich zu formulieren. Denn sie lernen zwar, wissenschaftlich zu forschen und richtig zu zitieren, jedoch nicht, das Wissen auch zusammenhängend zu verschriftlichen. Dann kam eine Kollegin auf mich zu mit denselben Erfahrungen und schließlich wurde ich von unserem Tochterunternehmen, das Online-Lehrgänge zur Weiterbildung anbietet, gefragt, ob ich zwei Module zu wissenschaftlichem Schreiben inklusive Videos erstellen könnte. Da war klar, dass das Thema aktuell ist, auch für ein EU-Projekt.

Konnten Sie denn Ihre Erfolgsaussichten einschätzen?

Ob ein Projekt genehmigt wird, ist immer schwer einzuschätzen, aber in diesem Fall wurde das Thema von den BegutachterInnen als hoch relevant angesehen. Zudem deckt es sich mit der Strategie 2020 der EU, die den Erwerb von Hochschulabschlüssen forciert, indem 40% der 30- bis 34-Jährigen bis 2020 ihr Studium abschließen sollen. Derzeit verfügt nur ein Drittel der Bevölkerung zwischen 25 und 31 Jahren über einen Hochschulabschluss, während in den USA die Quote bei 40% liegt und in Japan sogar bei 50%. Deshalb ist es ganz entscheidend, Studierende „im System“ zu halten und ihnen einen Abschluss zu ermöglichen.

Warum haben Sie sich für eine Online-Variante entschieden?

Das war von Anfang an klar, denn der Online-Kurs bietet viele Vorteile. Er kann als MOOC im Selbststudium durchgeführt werden, was vor allem berufsbegleitend Studierenden entgegen kommt; er kann jedoch auch im Blended-Learning-Verfahren mit dem Unterricht kombiniert werden. Beides unterstützt das personalisierte Lernen der Zukunft mit der Prämisse, dass Lernprozesse individuell ablaufen und das „One size fits it all-Prinzip“ nicht mehr gilt. Durch die Sprachenvielfalt unterstützt der Kurs zudem Internationalisierungsprozesse, da auf die eigene Sprache zurückgegriffen werden kann.

Wie ist denn ein solches Online-Modul aufgebaut? 

Jedes Modul enthält in 15 Einheiten einen zentralen Textteil mit Übungen, die sowohl im Selbststudium als auch in Kombination mit dem Unterricht durchgeführt werden können. Übersichtsgrafiken und Übungsblätter zum Download runden das Modul ab.

Kurze Lehrvideos mit dem/der Vortragenden des Moduls stellen ergänzende Informationen bereit oder vertiefen einen besonderen Aspekt der jeweiligen Einheit, wobei jede Aufnahme zwischen fünf und sieben Minuten Länge umfasst. Der Kurs ist intuitiv zu bedienen und die Registrierung ist einfach und kostenfrei.

Was möchten Sie vor allem mit diesem Kurs vermitteln?

Zuerst einmal: Schreiben braucht Mut. Und Mut kann man nur dann entwickeln, wenn man Chancen auf Erfolg sieht. Genau dies möchte der Kurs vermitteln. Studierende haben oft Zweifel, stecken fest, leiden unter Motivationsblockaden – der Kurs soll dabei helfen, Schreiben als Handwerk zu begreifen, das man erlernen kann. Daher ist es erforderlich, Studierenden Schreibhilfen anzubieten – analog den Style Guides in den USA. Eine klare Sprache ist zudem wichtiger als verschachteltes Wissenschaftsdeutsch: Wir schreiben heute für die Öffentlichkeit!

Und welche Erfahrungen haben die Studierenden mit AWO?

Ich möchte hier eine ungarische Gaststudentin aus einem Kurs zitieren, sie sagt: „Ich habe nicht gewusst, wie ich die Abschlussarbeit schreiben soll, aber jetzt habe ich eine Vorstellung davon und weiß, wie ich es angehen kann!“ Studierende haben auch rückgemeldet, dass sie vor allem von den Videos profitieren, da sie leicht verständlich sind. Es spielt für sie keine Rolle, ob sie den Lehrer in der Klasse hören oder im Internet. Dies spart Zeit, Inhalte können so oft wie nötig angehört oder gelesen werden und die wertvolle Kommunikation in der Klasse selbst dient dem Feedback und der Arbeit am eigenen Text.

Homepage: Opens external link in new windowhttp://awo.academy/

Zur Anmeldung: Opens external link in new windowhttp://login.awo.academy/


Erste wissenschaftliche Studie: Wie Führungskräfte Erfahrungswissen nutzen

Der bewusste Umgang mit der Ressource Erfahrung im Unternehmen spielt eine wichtige Rolle im sich global verschärfenden Wettbewerb. Um den Stellenwert und die Weitergabe von Erfahrung und Erfahrungswissen in Unternehmen zu erheben, hat das „Europa-Institut Erfahrung & Management — METIS, eine Forschungsinitiative der Rheinischen Fachhochschule Köln (RFH) und der FH Burgenland mit dem Projektpartner FHS St. Gallen, eine Online-Befragung von 600 Führungskräften in Deutschland, Österreich und der Schweiz durchgeführt. Erfahrung ist demnach ein »geheimer«, schwer sichtbarer Erfolgsfaktor, dem zwar auf aktive Nachfrage hin große Bedeutung zugemessen wird, um den man sich aber wenig in systematischer Weise kümmert.

Interview mit Prof. (FH) Mag. Dr. Dr. Sebastian Eschenbach, Leiter des Departments Wirtschaft an der FH Burgenland

Herr Professor Eschenbach, wie kam das Projekt zustande?

Darüber, wie Unternehmen den Erfahrungsschatz ihrer Mitarbeiter nutzen, wie sie den Prozess des Erfahrungstransfers organisieren und wie sie ihr Erfahrungswissen – wenn überhaupt – sichern, liegen in der Wissenschaft und Praxis so gut wie keine Daten vor. Die FH Burgenland, die Rheinische Fachhochschule in Köln und die FHS St. Gallen haben deshalb gemeinsam mit der Schweizer Kader Organisation (SKO), dem deutschen Verband „Die Führungskräfte“ und der österreichischen Zeitung „Die Presse“ eine breit angelegte Online-Befragung von Führungskräften durchgeführt, um diese Wissenslücke erstmalig zu schließen.

Worauf basiert die Studie?

Was verstehen wir unter Erfahrung? Ein Rezept in einem Kochbuch, das ist Wissen. Damit alleine können wir aber noch keine schmackhafte Mahlzeit auf den Tisch bringen. Dazu braucht es zusätzlich praktische Erfahrung. Die können wir uns aneignen, in dem wir zusammen mit einem Routinier kochen, der die vielen notwendigen Handgriffe und Tricks intuitiv beherrscht. Oder wir probieren in der Praxis durch Versuch und Irrtum aus, was funktioniert und was nicht.

Wie definieren die Teilnehmer der Online-Befragung „Erfahrung“?

86% der Befragten in Österreich, der Schweiz und Deutschland wissen um die Bedeutung der Erfahrung für den wirtschaftlichen Erfolg. Fast alle Führungskräfte (86%) sehen die Bedeutung von Erfahrung für ihr Geschäft sehr wichtig (45%) oder für ziemlich wichtig (41%) und halten Erfahrung für eine Grundlage des Erfolgs ihrer Unternehmen (sehr wichtig: 43% bzw. ziemlich wichtig: 35%).

Fast alle befragten Führungskräfte tragen - so die Selbsteinschätzung - selbst zum Austausch von Erfahrung bei und erklären, dass sie sich sehr (67%) oder ziemlich (23%) für Offenheit, Vertrauen und Fairness in ihrem Umfeld einsetzen. Gleichzeitig gibt aber nur ein Viertel der Führungskräfte an, den

Austausch von Erfahrung in ihrem Unternehmen uneingeschränkt zu unterstützen. Erfahrung ist daher so etwas wie ein „geheimer“ Erfolgsfaktor, dem zwar auf aktive Nachfrage hin große Bedeutung zugemessen wird, um den man sich aber wenig in systematischer Weise kümmert.

In welchen Aufgabenbereichen ist laut der Studie Erfahrung für Führungskräfte relevant?

Vier Aufgabenbereiche werden von den Führungskräften besonders häufig genannt:

  • Lösen von operativen Problemen
  • Fällen von Entscheidungen bei Unsicherheit
  • Erkennen von komplexen Zusammenhängen und
  • Bewältigung von Krisen.

Führungskräfte sind sich offenbar der Bedeutung von Erfahrungswissen in einer sich verändernden Unternehmens- und Arbeitswelt bewusst. Sie bestätigen damit implizit die Hypothese, dass Wissen nur im Zusammenhang mit Erfahrung wirksames Know-how produziert.

Umgekehrt wurde gefragt: Wie wirkt sich ein Mangel an Erfahrung im Arbeitsalltag der Führungskräfte aus?

Am häufigsten werden

  • gestiegene Kosten
  • Verzögerungen
  • operative Planungsfehler und
  • ineffiziente Organisation genannt.

Das bestätigt die Annahme, dass Erfahrung operative Konfliktkosten verringert. Es hat uns allerdings überrascht, dass Führungskräfte Entscheidungsfehler vergleichsweise etwas weniger deutlich auf den Mangel an Erfahrung zurückführen.

Haben kleine bzw. mittlere Unternehmen einen Vorteil gegenüber größeren Unternehmen, wenn es um Erfahrungsaustausch geht?

Die Vermutung, dass mittlere, häufig informeller organisierte Unternehmen im deutschsprachigen Raum den Erfahrungsaustausch methodisch stärker unterstützen als große Betriebe (mehr als 500 Beschäftigte), konnte nicht bestätigt werden. In großen Unternehmen werden nach Angaben der befragten Führungskräfte mehr Weiterbildung, moderierter Erfahrungsaustausch, Mentoring, schriftliche Berichte und systematische Nachfolgeplanung angeboten als in mittleren Unternehmen. Man sollte glauben, wenn es um Erfahrung geht, dann schlagen flexiblere kleine Unternehmen formal durchorganisierte Großbetriebe. In Wahrheit läuft es umgekehrt, weil die kleineren Unternehmen sagen, dass sie keine Zeit haben, sich darum zu kümmern und so einen strategisch wichtigen Vorteil verschenken.

Welche Methoden werden zum Erfahrungsaustausch eingesetzt?

Typische Wissensmanagementmethoden wie Intranets oder Social Media-Plattformen, Experten/-Innen-Netzwerke wie Communities of Practice oder Methoden zum moderierten Wissens- und Erfahrungsaustausch wie World Cafés oder Storytelling werden nur selten eingesetzt und auch skeptischer beurteilt. Erstaunlich fanden wir, dass das Potenzial neuerer Methoden von Erfahrungsaustausch wie World Cafés oder Online-Plattformen selbst bei jüngeren Managern noch wenig erkannt ist.

Was passiert mit dem Ergebnis der Studie?

Mit den Ergebnissen der Studie wollen sich die drei Hochschulen gemeinsam auf diesem neuen Forschungsfeld — und was noch wichtiger ist — Praxisfeld zu positionieren. Ziel ist eine Didaktik für die Reflexion und den Austausch von Erfahrung. Zentrale Methoden sind

  • gezieltes Feedback geben
  • fokussiertes Fragen — denn Erfahrungsaustausch funktioniert eher auf „pull“ statt auf „push“
  • Kommunikation, die sich an Expertise orientiert und nicht so sehr an Hierarchien — wie das im Arbeitsalltag in vielen Organisationen üblich ist
  • Storytelling — also die „Kunst“, zentrale Erkenntnisse in der Form von Geschichten weiterzugeben.

Im nächsten Schritt, gestallten wir gemeinsam mit Unternehmen wirksame und praktikable Methoden.


Forschungsstory: Die „Markt-Reifeprüfung“ eines Werbeplakats

Eye Tracking für die Seefestspiele Mörbisch

Der verheißungsvolle Blick der maskierten Dame erzählt von märchenhaften venezianischen Nächten. Ab Mai 2015 lockt das farbenfrohe Werbeplakat die BesucherInnen zur Operette „Eine Nacht in Venedig“ zur Seebühne in Mörbisch. Wie wählt man eigentlich als Marketing-Manager aus den Vorschlägen der Agentur das „beste“ Plakat aus? Einen Blick hinter die Kulissen gewährt Projektleiterin Claudia Kummer aus dem Department Wirtschaft.
 

Neues Plakat der Seefestspiele
Eye Tracker der Fachhochschule
Screenshot Augenkamera
Forschungsmethoden
Fokuspunkte von 49 Personen in 7 Sekunden
Blickverlauf für ausgewählte Zonen (AoI)
Scan Path für einen typischen Blickverlauf

Interview mit FH-Marktforscherin Claudia Kummer

Frau Kummer, was hat die FH Burgenland mit der Operette am See zu tun?

Der Verein der Seefestspiele Mörbisch wollte den Werbeauftritt modernisieren und selbstsicherer auftreten – dabei aber nicht die langjährigen Stammkunden verunsichern. Es gab zwei Plakatentwürfe, einen traditionellen und einen „mutigen“. Die Frage war: Welches Plakat wird wohl unser neues Stück besser verkaufen? Unser Marketing-Forschungsteam an der FH Burgenland - Department Wirtschaft - hat mit wissenschaftlichen Methoden nach der Antwort gesucht.

Was muss denn ein Plakat „können“, um die Festspielbesucher zu überzeugen?

Erstens: Es muss Aufmerksamkeit anziehen. Stellen Sie sich vor: Ich fahre im Auto, neben der Straße eine Plakatwand – ich sehe sie im Augenwinkel. Schaue ich hin? Zweitens: Ich muss die Botschaft verstehen. Worum geht es? Um mir das zu erklären, hat das Plakat maximal zwei Sekunden Zeit, dann bin ich vorbeigefahren. Drittens: Die Gefühlsebene muss stimmen. Gefällt es mir? Hat es was fürs Herz? Diese drei Prüfungsfragen muss jedes Plakat positiv absolvieren, damit es auf unserem gesättigten Markt bestehen kann.

Wie haben Sie diese Fragen erforscht?

Werbewirkungsforschung ist komplex, deshalb haben wir uns für eine Kombination von zwei Methoden entschieden: eine quantitative Online-Befragung von 242 typischen Seefestspiel-Kunden, und eine Eye Tracking-Beobachtungsstudie mit 49 Studierenden der FH Burgenland. Beim Eye Tracking werden mittels Infrarotstrahlen und hochpräzisen Kameras die Blickbewegungen der Teilnehmer aufgezeichnet, und man kann Rückschlüsse auf die Betrachtungsdauer und die Blickverläufe ziehen.

Kann man mit Eye Tracking in die Köpfe und Herzen der Kunden schauen?

Ja und nein. Das Besondere daran ist: Die Blicke sind spontan und unterliegen keiner „Zensur“. Wenn 49 Personen durchwegs zuerst auf das Auge der Dame schauen, und dann erst auf das Plakat der Konkurrenz, dann weiß ich: die Aufmerksamkeit hab ich schon mal. Das Problem ist nur: Der Grund für diese Aufmerksamkeit kann, muss aber nicht positiv sein. Um das herauszufinden, haben wir anschließend Interviews geführt. Erst dann konnten wir sagen: Ja, da sind positive Gefühle im Spiel!

Bei Aufmerksamkeit und Gefühl hat das Plakat also positiv „bestanden“. Wie kam die Botschaft an?

Das war besonders spannend. Wir wissen aus der Marketing-Forschung, dass besonders attraktive oder erotische Bilder auch gefährlich für die Werbung sind – weil sie nämlich vom eigentlichen Produkt ablenken, also die Botschaft behindern. Vor diesem so genannten „Vampireffekt“ hatten wir ein bisschen Sorge. Den entscheidenden Hinweis lieferte der Eye Tracker: Obwohl das Auge der Frau die Blicke zuerst auf sich zog, verweilten die Testpersonen nur ein paar Sekundenbruchteile.

Was ist dann passiert?

Die Blicke haben sich abgewendet und noch während der ersten Sekunde klar auf den Titel der Operette „Eine Nacht in Venedig“, also das eigentliche Produkt, fokussiert. Somit wurde die Botschaft innerhalb der ersten zwei Sekunden wahrgenommen.

Also zum Glück kein „Vampireffekt“. Wie können Sie die guten Testergebnisse erklären?

Das Plakat mit der Dame hatte mehrere gestalterische Vorteile gegenüber dem Konkurrenz-Entwurf. Der Titel ist mittig platziert, vor der untergehenden Sonne, die ein natürlicher Anziehungspunkt für das Auge ist. Es kommen starke Kontraste zum Einsatz, schwarz auf gelb ist schnell erfassbar. Besonders effektvoll waren auch die kreisrund gerahmten, weiß unterlegten Spieltermine, die wurden vor allem ab der 5. Sekunde klar fokussiert.

Gab es auch Kritikpunkte an dem Plakat?

Das Logo der Seefestspiele wurde auf dem anderen, dem „traditionellen“ Plakat im Schnitt um eine Sekunde früher wahrgenommen. Weil das Logo aus viel Text besteht, entsteht eine Konkurrenz zum Operetten-Titel. Außerdem haben wir erkannt, dass der Footer (Anm.: die schwarze Leiste unten im Bild) mit den Kontaktdaten kaum oder sehr spät beachtet wird. Hier könnte man Informationen einsparen.

Was würden Sie einer Werbeagentur aufgrund Ihrer Forschungen empfehlen?

Die Volksweisheit hat sich bestätigt: Weniger ist mehr. Außerdem: eine klare visuelle Hierarchie schaffen, sodass der Blick klar gelenkt wird. Und: Mut zur Veränderung zahlt sich oft aus, aber diese birgt immer ein Risiko. Mit der Eye Tracking-Studie und der Online-Befragung konnten wir die Reaktion der KonsumentInnen im Vorhinein testen. Das hat die Seefestspiele auf dem Weg zum starken neuen Werbeauftritt bestärkt. Und wir können diese Erfahrung unseren Studierenden in der Lehre praktisch weitergeben.


Die Forscherin

Claudia Kummer ist Hochschullehrerin und Forscherin im Department Wirtschaft der Fachhochschule Burgenland und leitet dort seit 2013 das Eye-Tracking-Labor. Die Betriebswirtin mit Forschungsschwerpunkt Konsumentenpsychologie hat als Projektleiterin die vorgestellte Studie betreut.
Opens window for sending emailclaudia.kummer[at]fh-burgenland.at


Zum Weiterlesen

Literatur:

Kummer, Claudia & Bäck, Evelyn (2014): Aufmerksame Blicke für die „Nacht in Venedig“. Mit Eye Tracking zur neuen Werbelinie, in: planung & analyse, Heft 6/2014, S.16-21

Kummer, Claudia & Semmler-Matosic, Tonka (2015): Eye Tracking für die Werbesujets der Seefestspiele Mörbisch – welches Design gewinnt Aufmerksamkeit? In: Proceedings zum Forschungsforum der österr. Fachhochschulen 2015, Hagenberg.

Kummer, Claudia (2015): Werbewirkungsforschung mittels Eye Tracking – die „Nacht in Venedig“ in Mörbisch, in: Hauptfeld-Göllner, Petra, Mayrhofer, Walter & Pehm, Georg (Hrsg.): Meinung im Mittelpunkt. Ausgewählte Beiträge zu Ergebnissen der Markt- und Meinungsforschung im Burgenland. Reihe Science Research Pannonia, Band 6, S. 31-44.